16. September 2017. Uhrzeit: 11.32h. Ohne Handy und Handtasche. Nur mit Carolina auf dem Arm. So saß ich eines Vormittags mitten in Grosetto. Auf einem Stuhl. Direkt vor der zugegeben besten Pasticceria Italiens. Nein – mein Mann hatte mich nicht eben gerade verlassen. Obwohl das in der sich kurz vorher ereigneten Situation hätte auch gut der Fall sein können. Nach dem Motto: “Schatz, ich bin dann mal kurz Zigaretten holen”, kehrte er nie wieder zurück. Nein. Dies war nicht der Fall. Stattdessen suchte er gerade mit unserer anderen Tochter nach einem Parkplatz. Ich musste nur einfach vorher – ja fast schon fast fluchtartig – das Auto verlassen. Warum?

Weil unsere andere, gerade mal vier Monate alte Tochter so gar nicht gerne im Maxi Cosi sitzen mag und das Autofahren überhaupt nicht genießen kann. Ja – stattdessen schrie sie um die acht Minuten am Stück, bevor ich mich dazu entschied, dass es nun besser wäre, das Auto zu verlassen. Mein Mann, schon sichtlich nervös, schien diese spontane Entscheidung zu begrüßen. Aber ehrlich gesagt? Ich ertrug dieses Drama einfach nicht mehr. Ja – und da saß ich nun. Mitten in Grosetto. Auf einem Stuhl. Vor einer Pasticceria. Mit einer friedlich und seligen, kein Wässerchen trübenden Carolina auf den Arm. Und das – ja, das kam nicht das erste Mal vor, in diesem Urlaub. Und so bescherten uns die Kinder die wohl anstrengensten, aber auch schönsten Momente unserer Reise.

Herausforderung angenommen


Dass es nicht einfach werden würde, mit zwei Kindern zu reisen, die beide das zweite Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, das war mir klar. Dass mich die Große mit ihren knapp 23 Monaten ganz schön auf Trab halten würde – ja, das war mir klar. Dass mich die andere mit ihren gerade mal vier Monaten dazu ganz schön fordern würde, aufgrund des zweistündigen, täglich wie nächtlichen Stillrhythmus – ja, auch das war mir klar. Und trotzdem wollten wir es so sehr. Diese wundervolle Reise antreten. Einmal mehr über uns hinauswachsen. Einmal mehr als Team zusammen wachsen. Aus dem Alltag ausbrechen. Raus kommen. Die Welt sehen. Sie unseren Kindern zeigen. Leben und genießen. Und das durch eines der schönsten Länder, die unser Europa zu bieten hat. Italien. Die Toskana. Dort, wo das leckerste Essen der Welt auf uns wartete. Dort, wo uns die warme Sonne des Südens begrüßen sollte. Dort, wo wir unsere Füße ins Meer halten konnten und unsere Kindern beim Spielen im Sand beobachten sollten. Ja, dort sollte es uns diesen Spätsommer hinverschlagen.

Alles eine Frage der Organisation


Und nur, weil Nachwuchs da ist, heißt es noch lange nicht, dass das Fernweh weg ist. Ganz im Gegenteil. Dem Alltag auch mal entfliehen. All die nervigen Vorbereitungen, die wohl doch sehr anstrengende Anreise, die Akklimatisierung nach dem Reisen, das aus dem Koffer leben, sollten uns nicht abhalten, das Abenteuer einzugehen. Und da mein Alltag mit den beiden Kindern mittlerweile sehr gut eingespielt ist, schien mir dies auch keine große Herausforderung zu sein.  Im Gegenteil: Ich habe mich von Anfang an in dieser neuen Rolle wieder gefunden. Als Mama von zwei Kindern. Zwei unter zwei. Und wie es meinem Charakter entsprach, bin ich auch kaum drei Wochen nach Entbindung mit beiden Töchtern nicht nur auf einer Hochzeit gewesen, sondern ging weiter auch meine Freunde besuchen. Ob Babyparty, Bloggerevents oder Geburtstage.

Es gibt quasi nichts, was mich noch aus der Fassung bringen kann – ja – ich möchte sogar soweit gehen und sagen , dass ich mich mit den Kindern mittlerweile so gut eingespielt habe, dass jeder Ausflug einwandfrei funktioniert. Und damit meine ich, dass ich es schaffe, irgendwohin aufzubrechen, ohne große Aufregungen, ohne Stress und vor allem ohne etwas zu vergessen. Ja – ich bin da sowas wie eine Koryphäe geworden, zumindest was das Thema “Organisation” angeht. War ich es schon während meines Studiums, habe ich es schließlich in meinen Jobs verfeinert, um es dann als Mama zu perfektionieren. Ja, das möchte ich mal behaupten. Zumindest war es zu Hause immer so. Dass ich im Urlaub jedoch ganz weit weg von all dem, was ich eben noch aufgezählt habe, sein sollte, erschütterte nicht nur mein Selbstbewusstsein bis in seine Grundmauern.

Wenn die Stimmung kippt


Ja genau. All das sollte auf dieser Reise noch mal auf die Probe gestellt werden. Meine Nerven auch. Autofahren schien plötzlich zum größten Stimmungstöter zu werden. Ok. Kein Problem. Umdisponieren. Spontanität war gefragt. Mein neuer, mit zwei Kindern, ständiger Begleiter. Planung? Fehlanzeige. So planten wir um. Sollten die Strecken, die wir innerhalb unserer Route zurücklegen, eben nie länger als eine Stunde sein. Perfekt getimed mit dem Mittagsschlaf der Großen und einem gerade müde gestillten Baby. So der neue “Plan”. Nur leider ging dieser einfach niemals auf. Und meist, nach nur fünf Minuten, war das Geschrei immer groß. Erst das der Kleinen, dann - natürlich - auch das der Großen. Und so kam es, dass auch ich meist hinten saß. In der Mitte. Eingequetscht zwischen den beiden Kindersitzen. Total unbequem. Für mich. Aber zumindest herrschte dann friedliche Ruhe.
Grundsätzlich hatte es sich Carolina anfangs des Urlaubs, meiner Meinung nach, sowieso zur Aufgabe gemacht, jede erholsame Situation, die sich mir auch nur eine Millisekunde zu bieten schien, zu zerstören. Ob pünktlich zum Essen oder zu einem anderen eher unpassenden Zeitpunkt beschloss sie, mit sturem Willen meine Nähe einzufordern. Und das auch gerne lautstark.

Man lernt nie aus


Mit Kindern bist du einfach langsamer: und mit zwei unter zwei erst Recht. Zügig aufzubrechen ist einfach nicht machbar. Und daher sollte der Tagesablauf auch nicht so vollgepackt sein. Genug Zeit für Unterbrechungen und genug Puffer sollte da sein. Ist der Alltag doch schon stressig genug, dann bitte nicht auch noch der Urlaub. Und so war es mir plötzlich egal. Egal, ob wir es schafften, pünktlich zum Essen zu kommen. Egal, dass wir vor 13 Uhr vom Strand weggingen. Egal, wenn Paulina noch zum fünfzigsten Mal schaukeln wollte. Wir waren doch im Urlaub. Es war eben nicht mehr wie in Asien. Als wir unsere einzige, gerade mal zehn Monate alte, friedliche und genügsame Tochter in die Trage packen konnten und die einzige Aufgabe darin bestand, an die Windeln im Rucksack zu denken.


Die Wendung


“Lass und doch noch zur Promenade nach Punta Ala fahren”, hörte ich mich zu meinem Mann sagen. Im selben Moment wusste ich bereits, dass es keine gute Idee war. Zu anstrengend doch bereits der Tag am Strand. Aber nein – ich ignorierte gekonnt mein Bauchgefühl. Stattdessen träumte ich von einem schönen Spaziergang entlang des Yacht Hafens, dort wo ich als Kind schon lang schlenderte, mit einer lieben Paulina im Buggy und einer entspannten Carolina in der Trage. So meine Vorstellung und ich zog es diesmal einfach stur durch.

So landeten wir nach einer knappen halben Stunde total verkehrt, mitten im Wald, um dann nochmal 15 Minuten zu fahren, um letzten Endes anzukommen, wo wir auch hin wollten. Um dann festzustellen, dass dort nix los war. Und mit nichts los meine ich auch nichts los. Denn weder war die sonst immer sehr belebte Promenade beleuchtet, noch hatten dort irgendwelche Läden geöffnet, geschweige denn war dort auch nur eine einzige Menschenseele zu sehen. Frustration und Wut setzten ein. Und Geschrei. Der Kinder. Nun ja. Nach einem sehr schlechten Essen in einem, der Einrichtung nach zu urteilenden, in den 80igern stehengebliebenen Restraurants, schleppte ich meinen ausgelaugten und leicht kränklichen Körper die Treppen hoch zurück in unsere Unterkunft, hinein ins Bett. Und schlief so tief und fest, eingerollt mit meiner Tochter in den Armen nach nur kurzer Zeit sofort ein, um sie am nächsten Morgen mit dem Kaffee in der Hand, noch genauso dort liegen zu sehen. Warm. Kuschelig. Mitten auf dem Bett. Eingerollt. Ganz selig am schlummern. Und ich dachte mir nur, wie wenig nachtragend sie doch war.

Am selben Tag am Strand. Ganz entspannt. Die Sonne schien. Der Wind wehte mir durchs Haar und ich beobachtete wie das Mulltuch über den Buggy hin und her wehte. Dann setze ich mich auf und saß eine ganze Weile nur so da und blickte zum Meer. Während die Kinder schliefen. Dann, irgendwann, sagte ich zu meinem Mann: “Irgendwie langweilig, so ganz ohne die Kinder.” Er musste lachen. Und nach einigen Sekunden hatte ich mich auch wieder gefangen, legte mich auf meiner Liege ab und schloss die Augen. Und genoss. Die Ruhe und die Wärme auf meiner Haut. Das Meeresrauschen und das italienische Gequassel der Nonna rechts neben mir, die scheinbar eine heftige Auseinandersetzung mit ihrem Ehegatten hatte, die sich dann aber wieder versöhnten und er sich mit einem Gelato bei ihr entschuldigte. Der Urlaub hatte begonnen.

Bewusster genießen


Und als sie wieder wach waren. Beide. Freute ich mich so sehr. Nicht, weil ich die Erholung und das “Durchatmen” nicht auch genossen habe. Nein – weil ich wusste, dass es diese Momente immer wieder geben wird. Dann, wenn wir uns nicht stressen lassen. Dann, wenn wir uns keine Zeitfenster machen. Dann, wenn wir uns selber keinem Druck aussetzen. Dann, wenn wir begreifen, dass es so einfach sein kann. Wenn wir uns nur auf sie einlassen. Mit Kindern reist du anders. Langsamer. Aber dafür bewusster. Ja, Kinder können einen ganz schön stressen. Und ja, deine Nerven dürfen auch mal blank liegen. Alles andere wäre unmenschlich. Aber wenn du dich darauf einlässt. Wenn du dich auf deine Kinder einlässt und anfängst, dich treiben zu lassen, deinen Tagesablauf nicht zu strukturieren – ja, dann wird plötzlich alles ganz einfach - und nur noch schön.

Du erlebst plötzlich diese kleinen, eigentlich so unscheinbaren, aber doch so besonderen Momente ganz neu. Du achtest nicht darauf, dass du in das Restaurant, das laut TripAdvisor die besten Bewertungen hat, einkehrst. Nein, du kehrst dort ein, wo der nette Signore vorsteht, der deine Tochter mit “que bella bionda” begrüßt. Bei dem du die Herzlichkeit in den Augen sehen und die Gastfreundschaft spüren kannst. Und steuerst nicht auf Touristenattraktionen zu, weil sie im Reiseführer, als besonders sehenswert markiert sind. Nein, du strandest dort, wo der schönste und prächtigste Olivenbaum der Region wächst und folgst dem Duft des Rosmarins.


Und am Ende bist du stolz auf dich. Denn du stellst dich nicht nur der Herausforderung – nein – du wächst auch daran. Du wirst stärker. Du erweiterst dein Bewusstsein. Und diese Erkenntnis mit nach Hause zu nehmen, ist für mich das wohl schönste Mitbringsel von jeder Reise. Egal wo es uns hintreibt.

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